Aufsätze und Materialien zu Medien & Gesellschaft

- zum internen Gebrauch in meinen Lehrveranstaltungen // www.medien-gesellschaft.de

zusammengestellt
von
Klaus Wolschner


Links zu

Mammutjäger Cover Kopie

 PS: Für die Freunde der „Holz-Medien”, 
die gern auf Papier Gedrucktes lesen, gibt es eine Überarbeitungs-Fassung der Texte aus dem September 2014   bei Amazon
 
Link

Impressum

Absätze aus: FRANK BÖSCH, Mediengeschichte S. 91 ff
 

“Die französischen Zeitungen, Zeitschriften und professionellen Journalisten waren im Vorfeld der Revolution sicherlich weniger wichtig als in Nordamerika. Bis 1784 äußerte die legale französische Presse kaum Kritik am Ancien Regime (vgl. Censer 1994: 213). Die ohnehin rigide Lizenzierungspolitik und Zensur, die Ende der I75oer Jahre und nach 1776 noch einmal verschärft wurde, bot zu geringe Spielräume. Dennoch war die Rolle der Zeitungen nicht ganz bedeutungslos. Vor allem berichteten sie regelmäßig über die Ereignisse in Nordamerika und damit über ein alternatives Staatsmodell. Ausführliche Details konnten die wohlhabenden Franzosen besonders den französischsprachigen Blättern aus dem Ausland entnehmen, wie der niederländischen Gazette des Leyde, die auch die Unabhängigkeitserklärung abdruckte (Popkin 1989: 22).

Untergrundmedien

Eine Schlüsselrolle spielten die so genannten Untergrundmedien. Angesichts der harten Zensur waren Pamphlete, bebilderte Einblattdrucke oder Skandalchroniken adäquatere Medien, um die Bevölkerung zu mobilisieren (Baecque in Darnton/Roche 1989: 165-176; Darnton 1985). Im Zentrum dieser Schriften stand die "Aufdeckung" von Geheimnissen und dem "wahren" Charakter der Herrscher (Engels in Mauelshagen/Mauer 2000: 185). Die Pamphlete und Schriften glichen eher der mündlichen Ofrentlichkeit und spielten mit Gerüchten. Dabei geizten sie nicht mit bissigem Spott und Fantasien über die sexuellen Eskapaden des Königs und der Königin, was wie die rationalen aufklärerischen Schriften die Entsakralisierung der Monarchie förderte (Darnton 1985:40)

Expansion 1789

Die Pamphlete waren zugleich ein Übungsfeld für die Journalisten jener Zeitungen, die nach Ausbruch der Revolution wie Pilze aus dem Boden schössen. Ein wichtiger Journalist der Revolutionszeit wie Louis-Marie Prudhomme schrieb bereits m den beiden Jahren vor der Revolution angeblich 1.500 Pamphlete, bevor er ab 1789 das Blatt Les Revolution* de Paris herausgab. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte am 26. August 1789, die auch die Pressefreiheit als Menschenrecht festlegte, führte zu einer in der bisherigen Weltgeschichte einmalig rasanten Ausbreitung der Presse. In den ersten Jahren der Revolution entstanden jährlich über 300 neue Zeitungen und Zeitschriften, sodass bis 1799 rund 2.000 verschiedene Printmedien publiziert wurden, dazu rund 40.000 Flugschriften (Reichardt 2O08b: 234). Ihr Seitenumfang wuchs, und die Auflagen schnellten schlagartig hoch: Die Gazette universelle hatte etwa täglich 11.000 Exemplare, das Journal du Soir 10.000. Statt der Außenpolitik rückte nun ganz das lokale Geschehen in den Mittelpunkt. Inhaltlich trennten sie nicht mehr zwischen Meinung und Nachricht. Die Grenzen zwischen den häufig kurzlebigen Zeitungen und den mitunter nummerierten Flugschriften waren dabei oft fließend. Ihr Vertrieb erfolgte nun auf der Straße, wo die Schlagzeilen ausgerufen  oder die Blätter vorgelesen wurden. Ebenso entstanden Clubs mit Zeitungsabonnements, wo oft zu Beginn der Sitzungen Artikel vorgetragen wurden. Gerade ausländische Beobachter stellten erstaunt fest, jeder in Paris würde plötzlich Zeitung lesen (Gough 1988: 233). Um die nicht-alphabetisierte Bevölkerung anzusprechen, spielten Bilder eine zentrale Rolle: Einerseits kam es zur Zerstörung von religiösen Bildern oder Statuen von Monarchen. Andererseits wurden Symbole der neuen Ordnung visualisiert, auch durch vom Wohlfahrtsausschuss bezahlte Künstler. Die Zerstörung der Bastille oder spöttische Bilder über Klerus und Adel zählten zu den zentralen Motiven (Reichardt in Dowe 1998: 193-200). Generell waren die Medien plurimedial und vermengten Elemente der oralen Öffentlichkeit (Lieder, Klagen, Gerüchte, Predigten etc.) mit denen der schriftlichen (Reichardt 2O08b: 258 f.). Damit entstand über Nacht eine medial geprägte vielfältige Öffentlichkeit, die sich in England in vielen Jahrzehnten entwickelt hatte.

Journalisten als Politiker

Das Selbstverständnis dieser Journalisten unterschied sich markant von denen vor 1789. Sie verstanden sich selbst nicht mehr  als Chronisten, sondern als politische Erzieher und Anwälte des Volks. Vor allem die radikalen Journalisten sahen sich nun auch als Richter und investigative Kämpfer gegen Korruption und Konterrevolution (Gough 1988: 173 f.). Wie in den USA war der  Journalismus ein Karrieresprungbrett zu politischen Führungsposten. Jean Paul Marat (mit seinem Blatt L’ami du peuple), Camille Desmoulins (Revolution! de France et de Brabant), Jacques Pierre Brissot (Mercure Franfaise u. a.) oder Jacques-Rene Hebert (Le Pere Duchesne) wurden zu Schlüsselfiguren der Revolution (ebd.: 231). Die Journalisten kamen aus allen sozialen Schichten, auch Adlige und Kleriker waren darunter (Murray 1991: 187). Ebenso wie in Nordamerika wirkten die Zeitungen parteibildend. Sie waren nicht einfach Sprachrohr der Clubs, sondern umgekehrt deren Kristallisationspunkt (Requate in Imhof/Schulz 1998: 19). Die Presse diskutierte und legitimierte   Entscheidungen. Da der Gesetzgebungsprozess jetzt öffentlich war, verfolgte sie ihn und debattierte Weichenstellungen wie die Hinrichtung des Königs und die Kriegserklärung. Kampagnen der radikalen Medien förderten Ereignisse, wie den berühmten "Marsch der Marktfrauen" nach Versailles, und gaben ihnen eine kollektive Bedeutung (Gough 1988: 233). Auch die monarchistische Presse profitierte von der Pressefreiheit und startete insbesondere ab 1790 Protestkampagnen (Murray 1991:105 f.).

Grenzen der Freiheit

Die Französische Revolution bescherte freilich nur ein kurzes Aufblühen des freien Medienmarktes. Bereits 1792 wurde eine neue Zensur eingeführt, die die  monarchistische Presse unterdrückte. Zudem subventionierten die Jakobiner, wie einst die Monarchen, nun ihre Zeitungen finanziell. Im Jahr darauf wurden "kontrarevolutionäre" Schriften zu Kapitalverbrechen, und zahlreiche Verleger und Journalisten fielen der Guillotine zum Opfer. Nach Robespierres Hinrichtung entstand wieder eine größere Pressefreiheit, die auch der politischen Rechten eine öffentliche Präsenz ermöglichte. Spätestens unter Napoleon Bonaparte kam es jedoch erneut zu einer schrittweisen Rückkehr der Zensur.

Die Zeitungen benötigten wieder Lizenzen, und ein "bureau de la presse" des Polizeiministers überwachte sie. Zudem gab das offizielle Regierungsorgan Le Moniteur ab 1799 Texte für die wenigen anderen Blätter vor, die noch zugelassen waren: vier von der Regierung getragene Zeitungen für Paris und nur je eine pro Departement (Gough 1988: 229). Dies zeigte somit auch die begrenzte Macht der neuartig medialisierten Öffentlichkeit: Vor der Guillotine und den Truppen erwies sie sich als wehrlos.

Die Französische Revolution veränderte nicht nur in Frankreich die Medienlandschaft. In zahlreichen europäischen Ländern kam es vielmehr zu einem ähnlichen Wechselbad zwischen Modernisierung und Restauration. So führte die Revolution in den Nachbarländern zu einer deutlich stärkeren Parteinahme und politischen Polarisierung der Presse, wobei die ausführlichen täglichen Berichte ihre Auflagen in die Höhe schießen ließen. Der Wettlauf um Neuigkeiten förderte eine gewisse Professionalisierung. Besonders die englische Times gewann durch eigene Journalisten in Paris an Reputation.”

Revolutionen 1848

Die Verbindung zwischen Medien und Revolutionen zeigte sich schließlich 1848 europaweit. Auch diese Revolution breitete sich von Paris nach Europa aus (Dowe u.a. 1998). Abermals prägten die Medien ihren Verlauf und wurden selbst durch die Revolution verändert. Bereits in den Jahren vor 1848 wurde in vielen Ländern die Zensur gelockert, sodass die Medien liberale und nationale Forderungen artikulieren konnten und Berichte über einzelne Proteste kursierten. Im Königreich Sardinien-Piemont scharten sich die Liberalen ab 1847 um die Turiner Zeitung // Risorgimento, im Deutschen Bund um die Deutsche Zeitung. Dieser Aufschwung korrespondierte mit technischen Entwicklungen. So fand in den 1840-er Jahren die Schnellpresse eine deutlich stärkere Verwendung (Stöber 2000: 116). Da ihre Anschaffung teuer war, zwang sie zu schnell produzierten hohen Auflagen, die schwerer durch die Zensur zu kontrollieren waren. So konnten die "Forderungen des Volks" von der Offenburger Volksversammlung 1847 bereits mit Tausenden Flugblättern verbreitet werden (Siemann 1985:115).

Während der Revolution ermöglichte diese Drucktechnik mehrere Auflagen täglich, was Protesten eine neuartige Dynamik geben konnte. Wichtige Zeitungen wie La Presse in Paris oder die Kölnische Zeitung erschienen 1848 bereits dreimal am Tag, im Fall von La Presse mit Auflagen von über 70.000 (Reichardt 2008a: 16,19). Ihre Aufforderung, der König solle abdanken, hatte daher besonderes Gewicht. Die Telegrafie spielte in der Revolution hingegen noch kaum eine Rolle, da ihre Verwendung den Zeitungen aus Revolutionsangst in Zentraleuropa weitgehend untersagt blieb. Die Ausdehnung der Revolution erleichterten eher andere neue Techniken der beschleunigten Nachrichtenübermittlung - wie die Eisenbahn, die ab 1835 in Deutschland ausgebaut wurde, oder der regelmäßige Nachrichtenverkehr mit Brieftauben, den bereits Zeitungen und Nachrichtenagenturen nutzten. Nach Ausbruch der Revolution war die Etablierung der Presse- Presseboom und Meinungsfreiheit eine zentrale Forderung, die in vielen Ländern, selbst im konservativen Österreich, kurzzeitig umgesetzt wurde. Unter Eindruck der französischen Ereignisse stellte der Deutsche Bundestag Anfang März 1848 jedem Mitgliedsstaat die Einführung der Pressefreiheit frei (Greiling 2003: 507). In der schließlich verabschiedeten Verfassung der Paulskirche 1849 heißt es wegweisend in Artikel IV: "Jeder Deutsche hat das Recht, durch Wort, Schrift, Druck und bildliche Darstellung seine Meinung frei zu äußern."

Die Pressefreiheit ermöglichte europaweit eine rasante Medienexpansion. So kamen allein in Paris bis Juni 1848 450 neue, zumeist kurzlebige Periodika auf (Reichardt 2O08b: 242). In Österreich verdreifachte sich die Zahl der Zeitungen auf 215 und in Deutschland wuchs sie auf geschätzte 1.700 (Siemann 1985:117). Der Straßenverkauf gab ihnen zusätzlich eine neue Präsenz, wobei die Grenzen zwischen Flugschriften und kurzlebigen Periodika oft fließend waren. Insofern sollte man die Revolution 1848 nicht allein mit Barrikaden oder der Paulskirche assoziieren. Viel typischer war der zeitunglesende diskutierende Bürger. Durch die Revolution veränderte sich schlagartig das Profil der Zeitungen und Zeitschriften. Offiziöse staatsfinanzierte Blätter wie der Österreichische Beobachter in Wien oder der Rheinische Beobachter in Bonn verschwanden. Andere Periodika unterstrichen ihren Wandel durch Streichung offiziöser Namensteile wie "amtlich" oder "priviligiert". Gerade in der Provinz entstanden neue politisierte Blätter, und bisher "meinungslose" Zeitungen positionierten sich politisch, was sie zumeist bereits mit Namensteilen wie "Volk", "deutsch", "frei" oder "Bürger" unterstrichen (Greiling 2003: 506, 514; Koszyk 1966: no). In Frankreich erinnerten die Zeitungsnamen oft an die Schlagworte der Französischen Revolution, etwa La Liberte.

Parteipresse

1848 entfaltete sich in Zentraleuropa zudem die Parteipresse. Wie bei den früheren Umbrüchen in Nordamerika und Frankreich gründeten nicht einfach bestehende Parteien Zeitungen und Zeitschriften als ihr Sprachrohr, sondern es kam zu einem wechselseitigen Formierungsprozess. Nun entstanden jene vier Parteirichtungen in der Presse, die bis ins 20. Jahrhundert in Deutschland prägend blieben (konservativ, liberal, katholisch, sozialistisch). Ähnlich wie in der Paulskirche fanden die Publizisten erst im Laufe der Debatte ihren politischen Ort. Entlang der tagesaktuellen Ereignisse handelten die Blätter die Programmatik der jeweils entstehenden Parteilinien aus. Auch in der Provinz waren Wirtshausversammlungen, politische Vereinsbildungen und die Ausrichtung von Lokalzeitungen miteinander verflochten (Beine 1999). Leitorgan der konstitutionellen Liberalen war die Deutsche Zeitung (1847-1850), die sich an das (Bildungs-)Bürgertum richtete (Hirschhausen 1998), dann die National-Zeitung. Radikalliberal war etwa das Blatt Deutscher Zuschauer aus Mannheim. Damit zeichnete sich jene weltanschauliche Spaltung ab, die den Liberalismus bis weit ins 20. Jahrhundert kennzeichnete. Zudem entstanden, mit kleinen Auflagen, als Vorläufer der Sozialdemokratie Blätter von Arbeitervereinen, wie etwa Das Volk, das Zentralorgan Verbrüderung oder schließlich die sozialistische Neue Deutsche Zeitung.

Der aus dem Exil zurückgekehrte Karl Marx wurde Chefredakteur und dann auch Besitzer der Neuen Rheinischen Zeitung (Koch in Dowe 1998: 797). Ebenso erschienen in Frankreich Blätter von Arbeiterclubs wie Commune de Paris oder La Vraie Republique (Reichardt 2Oo8a: 22). Auch die Konservativen gründeten mit der Neuen Preußischen Zeitung, die wegen ihres Eisernen Kreuzes im Kopf nur "Kreuzzeitung" genannt wurde, ein Blatt, das laut Mitgründer Ludwig von Gerlach als Mittel zur Sammlung des Konservatismus dienen und ein Gegengewicht zur Deutschen Zeitung bilden sollte (Bussiek 2002: 63 f.). Damit begannen die Konservativen, politische Reformen mit den Techniken der Reformer zu bekämpfen: die Pressefreiheit mit einer eigenen Presse, den Parlamentarismus mit einer eigenen Fraktion. Im Vergleich zu den Liberalen blieben die konservativen Periodika und Journalisten jedoch von untergeordneter Bedeutung. Ähnliches gilt für den politischen Katholizismus.

Seit 1815, besonders aber seit den 1840-er Jahren hatte die Zahl der katholischen Zeitschriften zugenommen. Allein im Deutschen Bund entstanden bis 1847 92 Blätter, wobei konservative "ultramontane " überwogen. Ihre Artikel verurteilten die Revolutionen nachdrücklich und setzten sie mit der Reformation gleich, die sie als ihre Wurzeln sahen (Schneider 1998: 46 f., 354~359)- Die von Joseph Görres edierten Historisch-politische Blätter für das katholische Deutschland bildeten seit 1838 ihre wichtigste politische Zeitschrift. 1848 formierte sich auch der politische Katholizismus auf allen Ebenen der Öffentlichkeit: Als Fraktion in der Paulskirche, in Versammlungen wie dem ersten Katholikentag, durch Vereinsgründungen und eben auch durch neue Medien. Insbesondere die eher konservative Kölner Zeitung Rheinische Volkshalle entstand in diesem Jahr als neues Leitorgan, die 1849 durch Umbenennung in Deutsche Volkshalle ihren gesamtdeutschen Führungsanspruch unterstrich. Damit wuchs bei den Katholiken die Einsicht, sich in der tagespolitischen Auseinandersetzung mit dem Staat in Medien und Öffentlichkeit zu behaupten.

Satire

Im Kontext der Revolution 1848 blühten zudem Satireblätter auf. Allein in Berlin erschienen 1848/49 rund 35, wenn auch nur kurzlebige humoristische Blätter, die mit Titeln wie Der Teufel in Berlin oder Kladderadatsch auf den Umsturz anspielten und ihn zugleich verhöhnten (Koch 1991: 57-130). Damit schloss Deutschland an Frankreich und England an, wo sich bereits in den Jahrzehnten zuvor auflagenstarke Satireblätter etabliert hatten, wie besonders Le Charivari seit 1832 und The Punch von 1841. Ihr Spott über die Feigheit und Unwissenheit der Bürger und die Unfähigkeit der neuen wie alten Politiker verriet zugleich ein gewisses Ohnmachtsgefühl.