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 zusammengestellt von Klaus Wolschner


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die gern auf Papier Gedrucktes lesen, gibt es eine Überarbeitungs-Fassung der Texte aus dem September 2014   bei Amazon
 
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Kult des Opfers, Kultur des Schreckens:
Geschichte der Sensation

Über Natur, Kultur, Religion und Medien

Zusammenfassung des Buches von
Christoph Türcke: Erregte Gesellschaft. Philosophie der Sensation (2001)   
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Eigentlich, so der Leipziger Philosoph Christoph Türcke in seiner 2001 erschienen „Philosophie der Sensation“, müsste die moderne Gesellschaft „Sensationsgesellschaft“ genannt werden. Das Wort Sensation, das einmal, vom lateinischen sensatio abgeleitet, ganz gewöhnliche Empfindungen oder Wahrnehmungen bezeichnete, bekam im 18. und 19. Jahrhundert einen verheißungsvollen Beiklang, von allgemeiner Unruhe, Erregung, Gärung. Im 20. Jahrhundert nun wetteifert „eine Flut massenmedialer Reize“ darum, als Sensationen wahrgenommen zu werden. Eigentliche Wahrnehmung wird zerstört. 

Die multimediale, audio-visuelle Erregung von Aufmerksamkeit war in früheren Epochen typisch für die regelmäßige Unterbrechung des Arbeitsalltags im Jahrmarktsspektakel. Unter den Bedingungen elektronischer Medientechnik wird sie alltäglich, permanent, total. Das „audiovisuelle Trommelfeuer“, so fürchtet Türcke, „beginnt, die elementaren nervlichen Verbindungsleistungen aufzurühren, die den anthropologischen Bodensatz aller Kultur ausmachen“ (Türcke  10)

Die Fixierung auf die modernen elektronischen Geräte bedeutet für ihn „Raubbau an Konzentration“, denn „zu sich selbst kommt ein Mensch durch das, was er in sich versammelt - konzentriert.“ (Türcke 281) In Gefahr ist „die große kulturelle Errungenschaft des Sich-Konzentrierens, des Verweilens bei etwas, sozusagen des Sesshaft-Werdens von Gefühlen, Vorstellungen und Gedanken.“ (Türcke  282) In Gefahr geraten Kultur und menschliche Vernunft.

Hier soll die Argumentation von Christoph Türcke in drei Schritten zusammengefasst werden:
1. Die Reizflut der Bilder
2. Kulturgeschichte der Sensation
3. Mediengeschichte der Sensation

I Die Reizflut der Bilder

Zentral für Türckes Überlegungen ist der Begriff „Reizflut“. Im  mikroelektronischen Zeitalter ist die menschliche „Existenz ohne elektronische Präsenz ein … Nichtsein bei lebendigem Leibe“. Immer schon galt: Wer keine physiologischen Empfindungen mehr hat, ist wie tot. ‚Sein’" bedeutet Wahrnehmen und wahrgenommen werden, „wer keine Sensationen hat, ist nicht.“

Die mediale Apparatur funktioniert hier auch als konkurrierende Erweiterung des menschlichen Körpers: „Wie blass nehmen sich die Reize der nächsten Umgebung aus gegen die grellen, die andauernd über den Bildschirm flimmern, wie grau wird der eigene Alltag im Lichte all des Aufsehen erregenden, was die Medien unablässig bringen. Die alltäglichen Umweltreize kommen nicht auf gegen die mediale Reizflut von Spektakulärem; sie sinken ab unter die Schwelle dessen, was das Sensorium zu absorbieren vermag …“ Denn nur wenn meine Wahrnehmung etwas fixieren kann, bildet sich für mich eine Erlebenseinheit, eine Identität. Ich kann mich selbst lokalisieren, habe Halt, spüre ich mich als Einheit meiner Wahrnehmungen und Empfindungen. „Genau das enthält die Flut ihr vor.“ 
Die Reizflut „versetzt den Organismus in den paradoxen Zustand, wo er vor lauter Reizen zur Wahrnehmung nicht mehr fähig ist.“ (Türcke 64/65)

Der Kampf um die Aufmerksamkeit zeigt sich in der Beschleunigung der Bilder. Während Filmemacher der 30er Jahre Beschleunigung als ästhetischen Kunstgriff nutzten, mit dem Rausch, Traum, Benommenheit, Desorientierung ausgedrückt werden sollte, wird die Beschleunigung bis an die Grenze der Wahrnehmungsfähigkeit nun zum Normalzustand. Die Werbung gibt dabei das Tempo an; die Adressaten der Flut sollen die Bilder nicht bewusst in sich aufnehmen und verarbeiten, sondern suggestiv erreicht werden: Wesentlich ist, dass sie kaufen. „Die gesteigerte  Bildschirmunruhe ist das manifeste Misstrauen gegen die Wirkkraft des einzelnen Bildes.“
Die audiovisuelle Übertragungstechnik hat einen neuen Nachrichten-Hochdruck produziert, ein erdrückendes Überangebot möglicher Nachrichten, die blitzschnell sortiert und gegen die Konkurrenz positioniert werden müssen, wenn sie nicht „in der allgemeinen Informationsflut untergehen“ sollen: „Es genügt nicht mehr, dass Ereignisse von sich aus brisant sind, reißerisch aufgemacht oder als Schlagzeilen ausgeschrien werden wie früher die Extraausgabe der Zeitung; das audiovisuelle Medium muss all seine artspezifischen Kräfte mobilisieren und die Nachricht mit der Gewalt einer multisensuellen Injektion verabreichen, damit sie dort, wo sie hin soll, auch ankommt: im reizübersättigten Sensorium der Zeitgenossen.“ (Türcke 17)
 

„Das audiovisuelle Trommelfeuer stumpft ab. Seine Sensationen erzeugen das Bedürfnis nach stärkeren. Die aktuelle Dosis an Bildern und Tönen von Verletzten, Entstellten, Verängstigten, Fliehenden, Entblößten, Mord- und Sexualszenarien, die in einer Programmlandschaft gerade Standard ist, kann kaum mehr wahrgenommen werden, ohne daß sie als Vorstufe zur nächsthöheren Dosis wahrgenommen wird. Reality-TV ist daher ein echter Fortschritt. Möglichst live dabei sein, wenn Häuser brennen, Flugzeuge abstürzen, Rennfahrer verunglücken, Geiseln genommen werden. Den Schauer des authentischen Erlebens erzeugen: dies ist nicht gestellt, sondern echt.“ (Türcke 67)

Und wo die Suggestivkraft der schneller Bilder und der musikalischen Begleit-Reize nicht ausreicht, kommt „3-D“, das dreidimensionale audiovisuelle Spektakel ergänzt mit Haut-Sensationen. „Solche Monturen lassen den Organismus in eine geschlossene Scheinwelt eintauchen, in der die Sinne einzeln in Behandlung genommen werden und keiner mehr ausweichen kann: das Auge nicht mehr über den Bildrand hinausschielen und sich vergewissern, dass es bloß einem Spektakel beiwohnt, das Ohr nicht auf andere Geräusche hören, die Haut nichts anderes tasten. Neue Kinos, wo die Leinwand sich im Halbrund vor den Zuschauern auftürmt und Bild und Ton sie gleichsam zu umhüllen suchen, arbeiten auf ihre Weise auf diesen Zustand hin. Der Sinneseindruck soll nicht dadurch wirken, dass man weiß, er ist echt; vielmehr  soll das Wissen, dass man eben erst in eine Scheinwelt eingetaucht ist, nichts mehr ausrichten gegen das, was sich den Sinnen aufdrängt.“ Während Wahrnehmung noch von einem Subjekt ausgeht, das wahr nimmt, wird bei der Reizflut die Flut zum Subjekt, die Wahrnehmung ist nicht mehr „eigenes Tun“. (Türcke 68)

Zapping

Die Wahrnehmung gerät dabei „unter den Dauerdruck, das Entscheidende gar nicht zu bemerken. Das Steuerungsinstrument durch die mediale Reizflut des Fernsehens ist bekanntlich die Fernbedienung.“  Denn jede Wahl unter 50 Sendern bedeutet das Liegenlassen anderer Möglichkeiten. „Soll ein Kind sich unter fünf Gummibärchen das Schönste aussuchen, so freut es sich. Soll es zwischen fünfzig oder hundert auswählen, so ist es überfordert. Erwachsenen geht es beim Fernsehprogramm nicht viel anders. Jede Wahl ist das Verschenken von hundert ändern Möglichkeiten, jede Entscheidung von dem Verdacht überschattet, eine Fehlentscheidung zu sein.“ (Türcke 69) Die Fernbedienung löst dieses Problem nicht, sondern ist sein technischer Ausdruck: Sie verlängert das Bildtempo und Kanalvielfalt in eine motorische Unruhe: „Das Nicht-warten-Können aufs nächste highlight, die dumpfe Dauerangst, im falschen Programm zu sein und, während gerade etwas leidlich Interessantes läuft, etwas ungleich Interessanteres zu verpassen. Das affiziert die ganze Wahrnehmungsweise.“ (Türcke 69)

Mit dem Internet und dem Hypertext wiederholt sich das: Wahrnehmung wird auf Abruf gestellt aus Angst, etwas zu verpassen. Man kann sich auf nichts mehr rückhaltlos einlassen, ohne immer schon nach anderem zu schielen. „Jede im Netz geknüpfte Geschäftsverbindung hinterlässt die Unsicherheit, ob da nicht noch eine bessere gewesen wäre, jede Datenübermittlung übermittelt auch die Erfahrung, wie viele Daten es doch gibt, über die man nicht verfügt.“ (Türcke 78)

Die Welt im Wohnzimmer – zerstört den Ort („no sens of place“)

Das Fernsehen wurde in den 1950er Jahren gefeiert als das „Fenster zur Welt“: Es versprach, die Welt „ins Haus zu liefern“. Solange das Fernsehen Abwechslung war und nur wenige Stunden Programm lieferte, schien das die wesentliche Botschaft zu sein. Aber das Medium kommt erst zu seinen eigentlichen Potentialen, wenn es rund um die Uhr auf Dutzenden von Kanälen solche „Fenster“ öffnet. Dann „führt mir jede Sendung vor, dass das, worauf es ankommt, sich immer woanders abspielt: an den Orten, von denen die Übertragung ausgeht, aber doch nicht an dem belanglosen Platz, wo ich gerade sitze.“ (Türcke 70) Es ist egal, an welchem Ort ist gerade bin, die „Ortlosigkeit wird zur Wahrnehmungsbedingung“. (Türcke 78) Der Mensch ist eingesponnen in mediale  Netzwerke, nicht mehr in reale – alles, was Identität stiftend und bindend war über Jahrtausende, die Familie, die Sippe, die Gemeinschaft, die „Heimat“, wird relativiert und entwertet. 

Die mediale Reizflut lässt zudem keinen Lebensbereich aus. Sogar tradierte religiöse Rituale, die auf ihre Anpassung an das mediale Zeitalter verzichten, geraten in Gefahr, die Menschen nicht mehr zu erreichen. Die Meditation wird eine Kulturtechnik für die verkürzte Mittagspause und bereitet nur vor auf die nächste mediatisierte Arbeitsphase.

„Alle müssen senden, Sensation machen, Reklamesprache sprechen“, wenn sie wahrgenommen werden wollen, vom Protest der Arbeitslosen bis zum Topmanager, der sich mit seiner gerade erreichten Position über Portale wie Xing als ungebunden, käuflich und frei für neue Herausforderungen anbietet. „Alle müssen auf Empfang sein, wenn sie mitreden wollen“, (Türcke 78), alle sind auf dem Sprung, weil sie sonst Angst haben müssen, etwas zu verpassen.

Die Verwandlung von Sachverhalten in optimal fassliche Nachrichten ist ohne Stilisierung, Verkürzung, Verzerrung nicht möglich. Ein Bild wirkt stärker aus ein dutzend Sätze, die Nachricht wird also im Bild verdichtet, auch wenn die Grenze zur Fälschung dabei überschritten werden muss. Denn nur Aufsehen erregendes wird noch wahrgenommen.

Unter diesem Druck war die Werbung, lange bevor die Nachrichten unter ihn gerieten. Die Werbung muss mit einem Bild und in 30 Sekunden überzeugen, den „Waren ein unwiderstehliches Kaufe mich“ anheften. Die Ästhetik der Werbung hat die gesamte  Kommunikationskultur verändert. Der Spot machte vor, wie die Botschaft wirksam audiovisuell konzentriert werden kann. „Ein Spot ist dann auf der Höhe des Mediums, wenn er den Tatbestand erfüllt, der auf französisch nerveux heißt - wenn er das Nervensystem möglichst umfassend und lustvoll-prickelnd zu einer Wahrnehmungsweise erregt, in die das jeweilige Produkt fest eingebettet ist.“ (Türcke 24)

Der Werbespot prägt die Standards wirkungsvoller Mitteilung, auch Politiker versuchen, das, was sie suggerieren wollen, in der Kürze, Prägnanz und Eindringlichkeit eines Werbespots zu formulieren und mit einem entsprechenden visuellen Hintergrund zu versehen. „Nachrichten müssen sich nach den medialen Präzisionsstandards des Werbespots richten, wenn sie weiterhin durchdringen wollen.“ (Türcke 35)

Seit dem Siegeszug des Films tritt körperliche Präsenz hinter die massenmediale Präsenz zurückt. „Es kam ja nicht von ungefähr, dass alternde Filmschauspielerinnen sich in der Öffentlichkeit nicht mehr zeigten, um das Bild ihrer makellosen Jugend nicht zu beeinträchtigen. Greta Garbo und Marlene Dietrich waren im Filmbild ‚da’. Körperliche Präsenz nimmt sich allenthalben blass und schattenhaft aus im Vergleich zu medialer.“ Die umfassende elektronische Datenvernetzung spinnt im 21. Jahrhundert jeden Menschen so ein wie das im 20. Jahrhundert nur für große Filmidole galt - die „Folgen für seine Individualität (sind) noch gar nicht absehbar.“ (Türcke 40)

„Virtuelle Realität“ ist dabei „alles andere als bloß virtuell. Ätherische Präsenz ist Realpräsenz mit derart gewaltiger Wirkung, dass man leicht darüber vergisst, wie phantomhaft sie andrerseits ist - in bestimmter Hinsicht nicht mehr als Spuk.“ (Türcke 44) Der virtuellen Realität wohnt längst ein Zwang inne: Man genießt das erhabene Gefühl, zu denen zu gehören, die zählen, also die nicht medial tot. „Solcher Freude sitzt die Angst im Nacken, dem Präsenzgenuß der Sendezwang.“  Branding nennen die Fachleute der Werbung das: „Das Bild samt Tonkulisse muss so markant  sein, dass es sich ins Nervensystem gleichsam einbrennt.“ (Türcke 53)  

Schrift und Bild

Schrift ist ein anstrengendes Medium, das Gehirn verbraucht viel Energie, um die visuellen Bilder der Buchstaben zu Worten zu fügen und den aus Worten zusammengesetzten Sätzen einen Sinn zu assoziieren. Während Bilder ‚jedes Kind versteht’, braucht es eine mehrjährige Disziplinierungs- und Schulzeit, um den Sinn aus Texten zu verstehen. So ist es nicht überraschend, dass die Schriftkultur lange Jahrhunderte die einer Elite war und dass das Jahrhundert der Massenpresse, das 19. Jahrhundert, mit der Erfolgsgeschichte von Illustrierten begann. „Jeder Bildschock (lässt) Druckerschwärze blass neben sich erscheinen“, formuliert Türcke (Türcke 290). Mediengeschichtlich ist das 20. Jahrhundert dasjenige, in dem jedenfalls in den Ländern der aufgeklärten europäischen Kultur Allgemeinbildung zu einem Massenphänomen wird und gleichzeitig das Fernsehbild die Masse der Bevölkerung von der Zumutung befreit wird, dass nur der Königsweg der Buchstaben-Entzifferung zu Wissen und Kenntnissen führen kann. 

Inkontinenz der Druckkultur

Lesen und Schreiben gehören zu den elementaren Kulturtechniken, die Produkte nutzen aber zunehmend lockende Bilder, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen. „Bei einer Klientel, für die Lesen außer im Decodieren von Film- und Computerbildern vornehmlich im Durchblättern von illustrierten Zeitschriften besteht, ist Lesestoff offenbar nur noch, was das Auge festhält, also daran hindert, weiterzugleiten, weil jedes Weitergleiten bloß ein Weggleiten der Aufmerksamkeit wäre. Die neue Lesbarkeit wird mit Mitteln hergestellt, die jeden längeren Text unlesbar machen.“

„Auch gehobene Zeitungen können sich ohne Farbphotos kaum mehr blicken lassen. Ihre Seiten werden ‚ansprechender’, will sagen,  textärmer und bildreicher, und die Buchgestaltung gleicht sich dem an. Auch Akademikeraugen werden der Führung durch ein geschicktes layout immer bedürftiger, haben hier einen Absatz, da eine Graphik, dort ein Bildchen immer nötiger, um das Entziffern von Begriffen aus Schriftzeichen überhaupt noch durchzuhalten. Zu den stillen Voraussetzungen des gesamten printdesigns gehört, daß ohnehin niemand mehr die Konzentration und Ausdauer hat, um einen Text von Anfang bis Ende, Zeile für Zeile zu verfolgen. Das Leseverhalten -  auch das wissenschaftliche, nicht nur das Schmökern - ähnelt sich dem zapping an, das vor dem Bildschirm normal geworden ist, und wie Werbeagenten sind sogleich Medientheoretiker da, die den Notstand als neue Tugend verkaufen, etwa als Befreiung von der Knechtschaft der Buchstabenfolge hin zu einem spontanen Lesevergnügen, das sich aus vorgegebenen Texten kreativ seinen eigenen herstellt. Nur konsequent, wenn Texte dann allmählich auch schon so geschrieben werden, wie sie hernach voraussichtlich gelesen werden, und jede Sprunghaftigkeit, Inkonsistenz, Inkontinenz sich ein verkannter Geistesblitz dünkt.“ (Türcke 292)

Vorstellungsbilder sind neuronale Erregungsmuster

Bilder entsprechen leichter den inneren „Vorstellungsbildern“, könnte man sagen. Aber was meint die Bild-Metapher, was sind Vorstellungsbilder? „Daran laborierte schon Aristoteles“, weiß der in der antiken Philosophie bewanderte Türcke. Vorstellungsbilder waren für Aristoteles phantasmata,  „wie Wahrnehmungsbilder – aisthemata -, nur ohne Materie“.
„Man hat doch nicht die wahrgenommene Sache selbst im Kopf, sondern nur ihren Seh-, Hör-, Tast-, Geschmacks- oder Geruchseindruck. Das Vorstellungsbild aber ist selbst noch von diesem physischen Eindruck losgelöst: eine Art Abziehbild davon.“ (Türcke 289)

Aber wie konfigurieren sich nervliche Impulse zu solchen mentalen Bildern, woraus bestehen sie?  Offenbar speichert das  Gehirn  Erregungsmuster, die sich auf Seh-, Hör-, Tast-, Geschmacks- und Geruchs-Eindrücke beziehen, scheinbar ungeordnet, an verschiedenen Stellen ab. Ein „Vorstellungsbild“ ist dann die Kombination solcher Erinnerungs-Eindrücke. Vorstellungsbilder sind daher meist vage, situationsbezogen, assoziativ, Vorstellungsbilder können sich verschieben, können sich konkretisieren - materialisierte Bilder fixieren dagegen einen Erinnerungsgehalt.

Die Bilderflut, so Türcke, schlägt auf das lebendige  Nervensystem zurück: „Die inneren, nicht festgestellten, gleichsam impressionistisch-flüchtigen Vorstellungsbilder werden von äußeren, festgestellten, scharf konturierten, knalligen derart dauerhaft überblendet und durchschossen, dass sie schließlich bleich und hinfällig werden - so abstrakt, dass sie sich nicht mehr selbst halten können und der äußeren als Stütze bedürfen.“ (Türcke 291)

Dem menschlichen Gehirn wird so das abstrakte Denken in Begriffen ausgetrieben: „Wenn der  innere Bildfundus, aus dem sie sich erheben und von dem sie zehren, zusammengeschossen wird“, dann werden die Begriffe „bodenlos, bezugslos, kahl“, „sie halten es bei sich selbst nicht mehr aus und fliegen der geballten äußeren Bildmacht zu wie die Motten dem Licht. Was den Halt raubt, wird zum Halt, nicht anders als bei Schnaps und Heroin.“ (Türcke 291)

„Der Mensch als Macher - und dafür steht die mythologische Figur des Prometheus - wird durch das von ihm Gemachte derart in den Schatten gestellt, dass er sich davor schämt und beginnt, sich seinen eigenen Erzeugnissen anzugleichen: nach der Uhr zu leben, im Maschinentakt zu arbeiten, seine Funktionen ein- und auszuschalten.“ (Türcke 45) Das gilt auch für die Erzeugnisse der mikroelektronischen Revolution: „Der Bildschirm, das große Füllsel der Freizeit, ist durch den Computer tief in die Arbeitswelt eingedrungen“. Die elektronische Vernetzung der Menschen erzwingt hybride Verhaltensmuster, eine „kombinatorische Virtuosität“ und ganz neue Managementqualitäten: Das Computernetz wird zum „technischen Knoten-, sozialen Treff- und individuellen Nervenpunkt, an dem Datenverarbeitung und -Übertragung, Television und -kommunikation, Arbeit und Freizeitbeschäftigung, Konzentration und Zerstreuung, In und Out, Bemerkt- und Ignoriertsein“ verschmelzen (Türcke 43).

War das Brachliegen menschlicher Fähigkeiten vor der Neuzeit noch ein Zeichen des Luxus und der Fülle, so wird unbeschäftigte Arbeitskraft zum „Härtefall dieser neuzeitlichen Leere“. Die Leere der Freizeit muss gefüllt werden – medial. „Und der mediale Schein, der ihn (den nur physisch präsenten Menschen) tot scheinen lässt, erstrahlt seinerseits, als wäre er das pralle Leben, obwohl er nur aus toten Pixeln besteht.“ (Türcke 45)

Auch für Politiker wird die mediale Existenz zur eigentlichen politischen Existenz: „Wie Waren nur eine Chance haben, gewählt zu werden, wenn sie hervorstechen, so auch Politiker. Sie sind in besonderem Maße Objekte wie Subjekte des Nachrichten-Hochdrucks.“ Professionelle Politik nervenaufreibender denn je, „Machtgenuß ist gleichbedeutend mit Präsenzgenuß geworden“. (Türcke 51)

II Kulturgeschichte der Sensation

Vom Ursprung der Kultur und der Sprache

Türckes kritische und pessimistische Analyse der Kulturentwicklung des 20. Jahrhunderts bezieht sich auf sein Verständnis vom Ursprung der Kultur, die den originellsten Teil seiner Analyse ausmacht.

Er setzte an bei Sigmund Freuds Analyse der ‚traumatische Neurose’: Der schreckliche erste Weltkrieg hatte Freud eine größere Zahl von Patienten angespült, die unter einem peinigenden Wiederholungszwang litten. Unter dem Eindruck dieser Angstträume gab Freud den Versuch auf, seine Traumdeutung ausschließlich auf libidinöse Wünsche zurückzuführen. „Schreck aber benennt den Zustand, in den man gerät, wenn man in Gefahr kommt, ohne auf sie vorbereitet zu sein“, definierte Freud. Angst oder Furcht dagegen ist schon mental verarbeiteter Schreck, benannter und damit beherrschbar gemachter Schreck, „etwas, was gegen den Schreck und also auch gegen die Schreckneurose schützt.“  (so Freud, zit. nach Türcke 121)

Türcke stellt nun die Frage, ob man in analoger Weise „Bewusstsein, Gedanken, Begriffe ebenfalls als „Rückstände und Repräsentanten“ durchgebrannter Triebe, Wünsche, Gefühle begreifen müsse. (Türcke 123) Denn „für den Organismus ist Reizschutz  eine beinahe wichtigere Aufgabe als die Reizaufnahme“, formulierte schon Freud. Reizschutz ist eine Art Notwehr des Nervensystems: Es versucht, der unerträglichen Übererregung eine Abfuhrmöglichkeit zu verschaffen, das Unbekannt-Schreckliche auf etwas Bekanntes zurückzuführen.  Nervennetze sind eingespielte, festgehaltene, wiederholbar gemachte Erfahrung. Und Gedächtnis und Bewusstsein sind ein Stück dieser Netzstruktur.

Aufmerksamkeit

Die Gedächtnisqualität der Angst schützt die Nerven vor dem Schock, weil sie die auf den Menschen hereinbrechenden Reize als bekanntes Muster identifizierbar machen. Und Altbekanntes schreckt nicht mehr, man weiß, damit umzugehen. „Wenn irgend etwas einem Organismus Sicherheit gibt, dann sein prozedurales oder implizites Gedächtnis, also das Netzwerk, das sein Nervensystem anlegt. Es ist die neuronale Elementarleistung der Vertrauensbildung“,  formuliert Türcke in Anlehnung an den Gehirnforscher Gerhard Roth. (Türcke 129) Und um Erlebtes in Gedächtnismustern zu speichern, ist Nervenarbeit erforderlich, „Aufmerksamkeit“. Am Anfang von Erkennen steht Identifikation und Benennung von regelmäßigen Ereignissen und Strukturen, und lange bevor uns das bewusst wird, sortiert das Gehirn zahllose Reize unter dem Gesichtspunkt, welche unsere Aufmerksamkeit erfordern. (G. Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit, 1994, zit. nach Türcke 129)

Nur auf der Basis seiner eigenen Vor-Sortierungen wird ein Gehirn seine Aufmerksamkeit mobilisieren und Bewusstsein herstellen – Bewusstsein ist der „Zustand, worin ein Wahrnehmungs-, Denk- und Steuerungsnetzwerk so gestrafft, d. h. so wach ist, daß es alles, was es tut und erlebt, als sein Tun und Erleben fühlt und sich darin als ein identisches, kontinuierliches Ich.“ (Türcke 130)
Die Nervenarbeit an der Aufmerksamkeit ist Schwerarbeit: „Um das zu verstehen, muss man wissen, dass das Gehirn einen überdurchschnittlichen Verbrauch an Sauerstoff und Stoffwechselenergie (Glukose-Zucker) aufweist. Während es nur zwei Prozent der Körpermasse ausmacht, verbraucht es im Durchschnitt 20 Prozent der gesamten Energie, d. h. zehnmal mehr, als ihm eigentlich zukommt.“
„Gleichzeitig lebt das Gehirn ‚von der Hand in den Mund’, d. h., es hat keinerlei Sauerstoff- und Zuckerreserven. Es wird nach Ausfall der Sauerstoffversorgung für nur wenige Minuten bereits irreversibel geschädigt.“ (Roth, zit. nach Türcke 131) 

Ein Schock kann hellwach machen, d.h. er mobilisiert die volle Aufmerksamkeit. „Wenn die plötzlich einbrechende Reizwelle nicht derart übermächtig ist, dass das Nervensystem kapituliert, dann wird es durch hyperaktives Anlegen neuer Netze versuchen, sie zu kanalisieren. Seine Gespanntheit dabei ist der Inbegriff von Aufmerksamkeit.“ (Türcke 132)

Aufmerksamkeit ist ursprünglich also ein Instrument der Bewältigung außergewöhnlicher Situationen und der Stressbewältigung. 

„Sicher ist nur, dass das angespannte Einüben jener Fähigkeiten, die Bewusstsein, Denken, Begriffsbildung heißen, eine nervliche Schwerarbeit ist, die kein Organismus auf sich nimmt, es sei denn unter größtem Druck. (…) Es sieht ganz danach aus, als sei der traumatische Wiederholungszwang ...  in seiner Frühzeit ein höchst konstruktiver Aufmerksamkeits- und Identitätsbildner gewesen. Vielleicht war er noch mehr: ein erstrangiger Kulturstifter.“ (Türcke 134)

Archaische Religiosität als Kult des Schreckens

„Primos in orbe deos fecit timor“, die ersten Götter auf Erden schuf die Furcht, lautet ein lateinisches Sprichwort. Archaische Religionen und auch das  Alte Testament sind voll von Gottes-Schrecken. Für die archaischen Formen von Religiosität hat der unsägliche Schrecken offenbar auch etwas Faszinierendes, sie malen heiligen Schauer aus und sind  Schreckbewältigungs-Maßnahmen. (Türcke 136)

Die frühesten archäologischen Hinweise auf Kultur beim homo sapiens sind Begräbnis- und Opferstätten. Die Toten wurden mit den kostbarsten verfügbaren Beigaben versehen  - und mit Lebensmitteln, mal mit ihren Frauen, mal mit Waffen auf eine Reise geschickt. „Was für die Archäologen Frühzeit, ist für den homo sapiens, aufs ganze gerechnet, schon Spätzeit, und Funde aus der mittleren Steinzeit, etwa aus dem 10. bis 8. vorchristlichen Jahrtausend, die die Ungeschiedenheit sozialer und magisch-kultischer Lebensführung erweisen, besagen nichts darüber, wie es diese Spezies 30 bis 40 Jahrtausende vorher mit der Religion gehalten hat“, stellt Türcke fest. Wie die Religiosität ihre Anfänge genommen hat, kann man nur rückschließend konstruieren. Mit ihr hat der homo sapiens eine paradoxe Kultur erfunden: Er will etwas Schreckliches besänftigen, aber es ist selbst schrecklich. Es will etwas aus der Welt schaffen, aber es erinnert unentwegt daran.“

„Höhere Mächte wie Mana, Wankanda, Dämonen oder Götter sind solche Verkörperungen des Schreckens: Sie objektivieren ihn, machen ihn fassbar. Und er wird besonders gut fassbar, sobald er anthropomorph gefasst wird: als Zornesausbruch menschenähnlicher Wesen. Die Vorstellung solcher Wesen hat sich das Wechselverhältnis der Ähnlichkeit schon zunutze gemacht. Jene Schreckensmächte, denen wir uns ähnlich machen, sind auch uns ähnlich. Ihr Toben als Zorn interpretieren heißt einerseits: Es hat einen erkennbaren Grund, nämlich unser Fehlverhalten. Und es heißt andrerseits: Wo Zorn ist, ist auch Besänftigung möglich. Wir können unsere Schuld durch eine ihr entsprechende Wiedergutmachung aufwiegen. Die Opferpraxis konkretisiert den Wiederholungszwang als Wiedergutmachungszwang, worin die Urformen der Gerechtigkeit, der Äquivalenz und des Zahlungsverkehrs koinzidieren.“ (Türcke 147)

Die älteste greifbare Form „expliziten, spezifisch menschlichen Gedächtnisses hingegen ist das Opfer“. Das Kollektiv gedenkt sehr handfest eines vergangenen, aber nicht überwundenen Schreckens. Das „explizite Gedächtnis feiert sich selbst, das Zustandekommen seiner selbst als Gedenkvermögen, also als Denkvermögen.“ Schon die frühen Opferrituale zeugen für Türcke vom „Loskommenwollen von peinigender Reizüberflutung“. (Türcke 241) 

Für das Schreckliche werden Verursacher gefunden und benannt, Götter. Die Opfer sind dann Wiedergutmachungsversuche, Besänftigungsversuche des Verursachers. „Einmal besänftigen genügt nicht. Implizites Gedächtnis ist … schon weit unterhalb der Bewusstseinsschwelle am Werk: überall dort, wo ein Nervensystem feste neuronale Verbindungen knüpft, die ihm zu weiterer Erregungsverarbeitung zur Verfügung stehen.“ Das Opfer muss  daher immer wieder vollzogen werden. (140)

Der Ägyptologe Jan Assmann hat diese Funktion der „Erinnerungskultur“, des „kulturellen Gedächtnisses“ für die ägyptische Hochkultur analysiert. Erinnerungskultur artikuliert sich nach Assmann primär als Fest. „Feste und Riten sorgen im Regelmaß ihrer Wiederkehr für die Vermittlung und Weitergabe des identitätssichernden Wissens und damit für die Reproduktion der kulturellen Identität. Rituelle Wiederholung sichert die Kohärenz der Gruppe in Raum und Zeit.“ (Das kulturelle Gedächtnis, S. 57, zitiert nach Türcke 141)

Ritualisierung bedeutet den Versuch, das Schreckliche der Naturgewalten und der unbewältigbaren Erfahrung des Todes durch Vergewöhnlichung verblassen zu lassen. Wenn die Gemeinschaft es sich im Kultus „selbst antut statt es angetan zu bekommen“, nimmt sie ihm schon ein wenig von seiner grauenhaften Fremdheit. Das ist der „traumatische Wiederholungszwang“, den Freud beschrieb: „Vom Schrecklichen loszukommen, indem man es reproduziert, statt vor ihm zu fliehen, ist eine Form, es gutzuheißen. Schreckliches gutheißen aber ist nichts Geringeres als die Durchbrechung der tierischen Weltauslegung.“ (Türcke 142)  

Das gezielte Nachmachen von Naturgewalten ist ein Kernmotiv von Magie, es fehlt in keiner archaischen Kultur. Der imitierende Zauber wird als Naturbeherrschungsmaßnahme praktiziert wie Sammeln, Jagen und Ackern. Die archaische Religiosität löst das Schreckliche aus seinen unmittelbaren Naturbezügen, sie vergewöhnlicht den Schrecken durch die ritualisierte Wiederholung, kultiviert ihn insofern, sie versieht das Schreckliche gleichzeitig mit einem höheren Sinn, dies, so Türcke, ist die „Geburtsanstrengung jeglicher Metaphysik und Theologie“. Der homo sapiens  suchte „Schutz vorm Schrecklichen beim Schrecklichen“. (Türcke 147)

Wenn die Toten zu Gespenstern und Dämonen objektiviert werden, die man fassen kann, dann ist das bereits eine „erste Beruhigungsform“ des Todes-Schreckens. Der Totenkult gestaltet diese Beruhigungsformen aus. „Und wie kein Opfer ohne Tötung, so ist kein Totengedenken ohne Opfer. Das Grauenerregende an den Toten ist ja zunächst nicht, dass sie nicht mehr sind, sondern dass sie leblos und trotzdem noch da sind. Das macht sie so schrecklich fremd.“ (Türcke 148) Mit seiner archaischen Religiosität kultiviert der homo sapiens seine eigene Triebstruktur.

Askese und Ekstase

Bemerkenswert ist, wie ähnlich sich die Kulturen der Schreck-Bewältigung sind. Zur Schreck-Verarbeitung gehört immer auch die Ekstase, das Außersichsein, außerhalb jeder Kontrolle. Die kultische Ekstase war dabei „nicht Rückfall in die Regellosigkeit, sondern Technik der Schmerzbetäubung und Verwandlung von Schreckerregung ins Lustgefühl des Rauschs.“ (Türcke 150) Zur kollektiven Ekstase gehört das Fest: das Tanzen, die Selbstkasteiung und der sexueller Exzess.  Ekstase „kann deren Steigerung zu einem exzesshaften Bestandteil des Kults bedeuten, etwa als rituelle Kopulation zum Herbeibeschwören des fruchtbaren Regens, der dann seinerseits als Kopulation von Himmel und Erde imaginiert wird. Aber auch sexuelle Enthaltsamkeit ist ein Heraustreten aus dem gewöhnlichen Zustand der Triebbefriedigung. … Demonstratives, alle Register der Ekstasetechnik ziehendes Sich-Versetzen in den Zustand der Abstinenz ist in antiken Kulturen nicht minder häufig mit Opferdarbringung verquickt als sexueller Exzess.“ (Türcke 152)

Triebverzicht ist ein fortgeschrittenes Kulturprodukt. „Um zu bemerken, dass es in bestimmten Situationen „besser“ sein könnte, dem Trieb zur sexuellen Befriedigung nicht nachzugeben, müssen sie bereits eine Erfolgsgeschichte der Triebumleitung durchlaufen haben: gelernt haben, sich in einen außergewöhnlichen Zustand zu versetzen, der Unlust abfedert und tendenziell in Lust umwandelt. Mit ändern Worten: Sie müssen in der Fähigkeit zur Ekstase schon recht weit gekommen sein. Ekstasetechnik ist nicht notwendig Askesetechnik, aber Askesetechnik ist eine sublime Form von Ekstasetechnik.“ (Türcke 158)

„Das sogenannte Realitätsprinzip aber ist die Realität des Lustprinzips, denn die Realität des Triebs ist das Verspüren von Widerstand, das Gezwungensein, ihn zu überwinden, zu unterlaufen, zu umgehen, mit andern Worten: das Gezwungensein, intelligent zu werden.“ (Türcke 153) Ihre frühesten Erwähnungen findet sexuelle Enthaltsamkeit quer durch alle Kulturen hindurch statt - „als ritueller Ausnahmezustand, in den Buße, Trauer, Menstruation oder lebenswichtige Stammesvorhaben nötigen.“ Sie ist Opfergabe. (Türcke 159)

Sprache - Namen und Namensmagie

„Auch die menschliche Stimme wird sich zur gegliederten Sprache zunächst nur in dem Maße entwickelt haben, wie sie als magisches Mittel in den großen Schreckbearbeitungs-Prozess  eintrat, dessen Konzentrat das kultische Opfer darstellt. Noch bei heutigen Kindern macht sich der Stimmlaut zuerst als Bote von Unlust bemerkbar, und wo er anfängt, sich auf Objekte zu beziehen, ist er zunächst bloß akustische Untermalung des Greifens nach und Deutens auf etwas – noch nichts, was aus der mimisch-gestischen Ganzkörpertätigkeit als etwas Eigenständiges herausgetreten wäre. Und selbst unter modernen Kulturbedingungen, wo jedes Kleinkind, wie schlecht es sonst auch behandelt werden mag, verglichen mit der Frühzeit des homo sapiens in bestimmter Hinsicht in Watte gepackt aufwächst, nämlich eingebettet in ein schon funktionierendes Gesellschafts- und Sprachsystem, das, bei allem, was man sonst gegen es sagen kann, als Schutzschicht gegen die Einbrüche unmittelbaren Naturschreckens hohe  Leistungsfähigkeit beweist - selbst unter modernen Kulturbedingungen ist die Verwandlung des Stimmlauts vom Anhängsel des Mimisch-Gestischen zu einem eigenen Ausdruckssystem  ein anstrengender Prozess.“ (Türcke 159/60)

Geradezu genial, findet Türcke, hat Aristoteles die primitive Benennungsleistung, um die herum sich das menschliche Sprachsystem gebildet hat, als Laut-Begleitung von Zeige-Handlungen beschrieben: tode ti, wörtlich übersetzt: „dies da“, „dieser bestimmte Mensch“ oder „dieses bestimmte Pferd“. Ohne solche Benennung hätte Sprache an nichts festen Halt.  Das Richten der Aufmerksamkeit durch Laute, das „tode ti ist ein unüberbietbares Kürzel für den gesamten  Aufmerksamkeitsbildungsprozeß.“ (Türcke 160)

Das Benennen hilft, das Benannte einzuordnen, vergleichbar zu machen, das Benannte ist Bekanntes und verliert dadurch den Schrecken – selbst wenn „weglaufen“ angesagt ist wie bei den Warnrufen der Tierwelt, weiß man zumindest, was zu tun ist. Der Name ist „Schutz vorm Schrecklichen - zunächst in dem Sinne, dass er denjenigen, der ihn stammelt oder ausruft, vor etwas schützen soll, was ihn zu überwältigen droht.“ 

Sprache „tut stimmlich, was der Kult insgesamt tut: eine Schutzschicht um jene Nervenbündel  legen, die erst viel später homines sapientes heißen.“ (Türcke 161)

Die Namensmagie ist dabei schon ein späteres Stadium des Spracherwerbs. Erst das Bewusstsein, „dass der Name das „Wesen“ einer Person oder Sache ausmache“, kann zu dem Gedanken führen, dass, wer den Namen weiß, auch über das so Benannte verfügt. Der alttestamentarische Satz: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein“ aus dem Buch Jesaia zeugt davon. (Türcke 162/163)

Benennung bleibt accidens, Hinzukommendes, aber wie eine Krücke dem Gehbehinderten nur bestimmte Freiheiten erlaubt prägt der Name auch das Verständnis des Benannten. (Türcke 167) „Wer Sprache bloß für bare Münze nimmt, nicht auch als Attrappe, bloß als das, was sie sagt, (…)  tappt doch bloß auf ihrer Oberfläche herum. Eine Sprachanalyse, die Sprache für nichts als einen gegliederten Lautverbund zur Identifikation und Mitteilung von Dingen und Zuständen hält und die darin untergegangene Namensmagie  nicht zur Kenntnis nimmt, verfährt wie eine Psychoanalyse, die das Unbewußte ignoriert.“ (Türcke 169) 

Urgrund der Kultur

In den Versuchen, die Schrecken der Naturgewalten zu deuten,  umzudeuten und damit zu akzeptieren, liegt der Ursprung von religiöser Kultur und damit von Kultur überhaupt: Alle Manifestationen archaischer Kultur, Umzüge, Tänze, Theaterspiele, Wettkämpfe, Hinrichtungen sind sakralen Ursprungs. Der Opferkult war ihr historischer Kern, das Opfer war ursprünglich „Menschenopfer, blutiger Ernst, bei dem es um Leben und Tod eines ganzen Clans ging. Wenn etwas die kollektive Aufmerksamkeit restlos in seinen Bann schlug, also in höchstem Maße aufsehenerregend war, dann das Opferritual, worin man das Heilige, die furchtbare göttliche Schutzmacht, vernichtend wie rettend gegenwärtig glaubte.“ (Türcke 169)

Archaische Sensationen

Das, was wir heute sensationell nennen, das waren für archaische Völker die kultischen Ereignisse rund um das Heilige. „Wenn etwa die Feier der Wintersonnenwende alle Mitglieder eines Clans in sich hineinzog, ihnen das Gefühl gab, von ihrem ekstatischen, rückhaltlosen Vollzug des Opfers hänge der Umschwung von Untergang in Aufgang der Sonne, von Dunkelheit in Licht, Tod in Leben und damit nicht nur das Kommen des neuen Jahres, sondern der Fortbestand der Welt ab, so dürfte sie dieser Vorgang ungleich intensiver  durchschauert, fasziniert, mitgenommen haben“ als moderne medial vermittelte Sensationen. Zumal solche kultischen Feste für die gesamte Gemeinschaft zwingend waren, während moderne, medial vermittelte Sensationen meist nur einen Teil der eigenen Bezugsgruppe betreffen und zudem buchstäblich „ausgeschaltet“ werden können. „Heutige Sensationen sind unter globalen Konkurrenzbedingungen bis zur Unkenntlichkeit inflationierte, verblasste Nachfahren der Epiphanie des Heiligen.“ (Türcke 170/171)

In dem Maße, wie die ritualisierten Formen von Sprache, Kult und Arbeit ein Eigenleben bekamen, gefiltert, verfeinert, verwandelt wurden, entstand ein differenziertes menschliches Sensorium, das in der Lage war, „sich beharrlich auf etwas, eine Sache, eine Person, eine Konstellation, ein Problem zu konzentrieren, mit ändern Worten, weit über die Dauer unmittelbarer physischer Stimulation hinaus die synthetische Leistung einer langfristigen, nachhaltigen Aufmerksamkeit zu erbringen.“ Die durch Architektur, Bild und Schrift dokumentierte frühantike Kultur ist selbst schon Resultat der Entwicklung eines „menschlichen Sensoriums, das uns als eine einigermaßen konstante Mitgift des homo sapiens vorkommt“, ist also „das Resultat einer langen Deeskalation der Sensation“, etwas „kulturell Gewordenes“. Diese Kultur-Geschichte „erweist sich als eine soziale Großveranstaltung dessen, was die Neurophysiologie ‚prozedurales Gedächtnis’ nennt.“ (Türcke 173-175) 

Gedächtnis-Erinnerung wird in einem Netz von Neuronen gespeichert. Die Speicherung ist umso intensiver, je häufiger die gleichen Informationen in Form von Reizen aufgenommen werden. Das so genannte prozedurale Gedächtnis umfasst „gekonnte", aber nicht im Detail sprachlich berichtbare Inhalte, Gewohnheiten, Stereotypien, Konditionierung durch reflexartige Einflüsse. Inhalte dieser Art gelten nach Roth als „semantisch flach". Bewusstsein und Aufmerksamkeit stören beim Abrufen, Veränderungen sind schwierig.

III Mediengeschichte der Sensation

Zur Vorgeschichte von Neugier und Sensation

Im Kontext der Sensationen des Heiligen gab es immer schon  Bilder, die die überwältigende Macht des Heiligen symbolisierten: Pyramiden, Kathedralen, Heiligenbilder. Diese Bilder wirkten als Medien auf die, die sie zu lesen verstanden. Durch ihre Monumentalität sollten sie auch auf die Ungebildeten wirken. Sie waren beeindruckende Gestaltungen, Kunst-Werke der Macht.

Daneben hat sich eine Kultur der kleinen profanen Sensationen entwickelt: Augenbegierden, die sich in unerwarteten, also aufregenden Naturvorgänge darstellten, Schauspiele auch,  schöne Frauen, die die Begierde nach Sinnengenuss anstachelten.  Kuriositäten haben immer die Neugier erregt.

Und die Kirchenväter haben verzweifelt versucht, die profane Neugier (curiositas) als Laster abzugrenzen vom rechten Wissenseifer (studiositas). „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen“, hatte schon Aristoteles erkannt: „Weil sie staunten, begannen die Menschen jetzt wie vormals zu philosophieren.“

Neue Zeit des Staunens

Die Kirche hat den Kampf gegen die Neugier verloren.  „Große Märkte waren anfangs selbst nichts Alltägliches, fanden höchstens viermal pro Jahr statt, vorzugsweise zur Sonnenwende und Tagundnachtgleiche, also zu den Eckdaten des Sonnenjahrs. Daher wohl der Name Jahrmarkt. Jahrmärkte begannen im 12. Jahrhundert in der Champagne als Anhängsel der christlichen Messe, von der sie auch ihren Namen entliehen, traten allmählich ein in den Reigen herkömmlicher Schaustellungen wie Prozessionen, Hochzeiten, Hinrichtungen oder Investituren – und liefen ihnen schließlich den Rang ab."  (Türcke 95)

Die Neu-Gier nach Kuriositäten wurde angestachelt „durch den Fernhandel, der neben Gewürzen und Seide, Schmiedearbeiten und Geschirr reichlich exotische Gesteine, Muscheln, Federn, Knochen, Pflanzen, bisweilen auch lebendige Affen, Kamele, Löwen und sogar Orientalen und Afrikaner mitgebracht hatte. Das 15. Jahrhundert war die Zeit, wo eine professionelle Suche nach verschollenen oder seltenen antiken Handschriften begann, die Zeit, wo botanische Gärten mit den ungewöhnlichsten Pflanzen angelegt wurden, die Zeit der entstehenden Raritätenkabinette, wo Elephanten- und Haifischzähne, Mammutknochen und Rhinozeroshörner, Straußeneier und Edelsteine nicht mehr nur wegen ihrer angeblichen Abwehrkräfte gegen Gift und Krankheit Eingang fanden, sondern zunehmend einfach nur, weil sie kurios waren: als faszinierende Sonderlinge der Natur." (Türcke 91)

Neugier wurde so schon im späten Mittelalter zu einer  Weltaneignungsweise. Wunderkammern, Jahrmärkte und  ‚Neue Zeitungen’ sind Ausdruck davon.  „Das Seltene an sich schätzen lernen, … , sie als Erweiterungen des eigenen Gesichtskreises registrieren und studieren, als Vorgeschmack der Sonderbarkeiten, die in Bibliotheken, im Erdboden, in ändern Kontinenten noch der Entdeckung harren mögen: das wird zum Charakterzug frühhumanistischer Aufklärung und Umtriebigkeit." (Türcke 92)

Raritätensammlungen waren freilich nur die Begleiterscheinung einer viel umfassenderen Sammlung von Reichtum, die sich im Mitteleuropa des 15. Jahrhunderts dank sprunghaft steigenden Fernhandels vollzog. Die Märkte der großen Städte begannen überzuquellen. Sie wurden wie nie zuvor zu sozialen Magneten: zu umlagerten  Umschlagplätzen von Stoffen, Gewürzen und Metallen. Zur Esoterik der Wunderkammern, die nur wenige Auserwählte zu sehen bekamen, bilden die Marktplätze, auf denen sich das Volk drängte, das exoterische Gegenstück." (Türcke 95)

Fernhandel und Sensationspresse

Der wesentliche Übertragungsweg für Neuigkeiten war einmal der dörfliche „Klatsch und Tratsch“ gewesen, den Boten wurden nur Dinge anvertraut, die für Kriege wichtig waren – und für das Geschäft: „Fernhandel ist ein riskantes Unternehmen, und um sicherzugehen, daß die Gebiete, die man bereisen möchte, lohnende Waren enthalten und nicht gerade von Naturkatastrophen, Krieg oder Aufruhr heimgesucht sind, braucht man möglichst aktuelle Informationen: avisi (Nachrichten, wörtlich: Warnungen), wie man sie in Venedig nannte, wo sie wahrscheinlich zuerst gesammelt und in Umlauf gebracht wurden (…)  In den Fußstapfen des Warenverkehrs entwickelte sich ein Nachrichtenverkehr, den die Großkaufleute anfangs selbst organisierten." (Türcke 97)

Die handgeschrieben Fugger-Briefe wie die „fliegenden“ Zeitungen in der Frühzeit des Buchdrucks erschienen sporadisch, „nämlich immer wenn etwas Mitteilenswertes passiert war“. Den handelspolitisch wichtigen Nachrichten wurden auch schon in den Fugger-Briefen schon Kuriositäten angefügt. In dem Maße, wie Buchdrucker und Postmeister die Verbreitung von Nachrichten zu ihrem Geschäft machten, wurden im 17. Jahrhundert aus sporadischen Flugschriften allmählich regelmäßig erscheinende Zeitungen. „Das Medium muss wöchentlich, später täglich mit Mitteilenswertem gefüttert werden, damit es weiter bestehen kann“, (Türcke 16) Nachrichten werden also systematisch gemacht, und Nachrichten machen bedeutet „brisant machen“.

Die Nachrichtenlogik kehrt sich um:  Es wurde mitgeteilt, was wichtig schien oder erscheinen sollte, für den Leser dieser Zeitungen wird die Nachricht aber wichtig, weil sie mitgeteilt wird. Das, was vorher der Bereich des Gerüchtes war, wird wesentlicher Teil des Nachrichtengeschäftes. Für die Kaufleute war es eine gute Nachricht, wenn es keine avisi, Warnungen gab – für die Nachrichten-Gewerbe sind nur schlechte Nachrichten "gute" - weil verkäufliche - Nachrichten.

„Ein Geschäft war aus Nachrichten nämlich nur zu machen, wenn sie nicht nur Geschäftsnachrichten waren. Alles, was die Aufmerksamkeit eines breiteren Publikums erregen konnte, ob Produkt überreizter Phantasie oder nüchterner Beobachtung, ob geprüft oder ungeprüft, erfüllte den Tatbestand einer Nachricht, wenn es glauben machen konnte, soeben geschehen, nahezu noch Gegenwart zu sein.“ (Türcke 97) So stehen in den neuen Nachrichten-Druckwerken des 17. Jahrhunderts die Mitteilungen der herrschaftlichen Autoritäten und die   Kunde von kriegerischen Handlungen unvermittelt neben Meldungen von Missgeburten, Heuschreckenplagen und Himmelserscheinungen.

Die Jahrmärkte waren der Humusboden des frühen Zeitungs- und Buchdrucks, die Messen in Lyon und Frankfurt bald auch ausdrückliche Buchdruck-Messen. Die Jahrmärkte lockten Verkäufer aller Art an, Gaukler und Schausteller an, alles, was Geschäft und „Sensation“ zu machen versprach. Im 16. Jahrhundert wurden sie auch zu den Knotenpunkten des Fernhandels. Straßburg hatte rund 22.000 Einwohner, zwei Mal jährlich überschwemmten 100.000 Messbesucher das Städtchen. Auf Straßen und Plätzen wurde feilgeboten, was die menschliche Geschicklichkeit hervorgebracht hatte, darunter auch Bücher und ‚Neue Zeitungen’. „Und so ist der Ort des Massenauflaufs von Händlern auch der, wo Wunderheiler, Artisten, Gaukler, Possenreißer und Tierbändiger lautstark auf ihre Kunst hinweisen." (Türcke 96)  

Auf dem Weg zum Massenmedium wird die „Sensation“ alltagsrelevanter Nachrichten zum unverzichtbaren Bestandteil des Nachrichtenverkehrs. Nicht die Befreiung von staatlicher Zensur hat den Zeitungen ermöglicht, die Massen zu erreichen, sondern die Integration von Klatsch und Trasch und anderen alltagsrelevanten Sensationen.

In seiner 1625 aufgeführten Komödie The Staple of News kritisiert Ben Jonson das neue Nachrichtengewerbe als „einen wöchentlichen Schwindel, um Geld zu machen.“ Zeitungen seien ein Spiegel, „worin das Zeitalter seine eigene Narrheit anschauen darf“, die Neuigkeiten seien alle „hausgemacht und keine Silbe Wahrheit drin“.

Curiositas war im ersten Schrittvon der Sünde zum Grundimpuls aller Wahrnehmung“ geworden, nun wird aus dem „physiologischen Impuls“ die treibende „systemische Kraft“: „Zeitungen waren in ihrer von journalistischem Berufsethos einigermaßen ungetrübten Entstehungszeit genau das, was wir heute Sensationspresse nennen.“ (Türcke 97)

Edgar Allan Poe ließ seinen Meisterdetektiv C. Auguste Dupin diesen Befund so zusammenfassen: „Wir wollen doch nicht vergessen, dass es unseren Zeitungen viel weniger darum geht, die Sache der Wahrheit zu fördern, als vielmehr darum, eine Sensation zu schaffen - Aufsehen und Eindruck zu machen. Für das erstere tun sie nur dann etwas, wenn das letztere mit dabei herausspringt. Das Blatt, das einfach in die allgemeine Meinung einstimmt (so wohlbegründet diese Meinung sein mag), erntet bei der Masse keinen Glauben. Die Mehrheit der Leute betrachtet als tiefsinnig nur den, der sich in scharfen Widerspruch zur allgemeinen Ansicht stellt.“ Das Zitat stammt aus einer Beschreibung des Großstadtlebens, die 1842 erschien. (Türcke 119)

Exkurs: Philosophie der Sensation – „esse est percipi“

„Im spätmittelalterlichen Latein ist sensatio allmählich zum gebräuchlichen Terminus für das geworden, was die Sinne tun: empfinden, wahrnehmen.“ Für die abendländischen Intellektuellen galt bis ins hohe Mittelalter das sinnliche Vermögen „als gute Gabe Gottes, aber als subalterne.“ Über die Sinne kann der Mensch „nicht das Wesen der Dinge, sondern bloß ihr äußeres Zubehör“ erfassen, hatte Thomas von Aquin 1265 in seiner „Summa theologica“ erklärt. Das Wesen sei nur dem Intellekt zugänglich.

John Locke (1632-1704) verstand Empfindungen als Elementarformen von Denken und Aufmerksamkeit: „Nehmen wir also an, der Geist sei, wie man sagt, ein unbeschriebenes Blatt, ohne alle Schriftzeichen, frei von allen Ideen; wie werden ihm diese dann zugeführt? [...] Woher hat er all das Material für seine Vernunft und für seine Erkenntnis? Ich antworte darauf mit einem einzigen Worte: aus der Erfahrung. [...] Wenn unsere Sinne mit bestimmten sinnlich wahrnehmbaren Objekten in Berührung treten, so führen sie dem Geist eine Reihe verschiedener Wahrnehmungen von Dingen zu [...]. Auf diese Weise kommen wir zu den Ideen, die wir von gelb, weiß, heiß, kalt, weich, hart, bitter, süß haben, und zu allen denen, die wir sinnlich wahrnehmbare Qualitäten nennen. Wenn ich sage, die Sinne führen sie dem Geist zu, so meine ich damit, sie führen von den Gegenständen der Außenwelt her dem Geist dasjenige zu, was in demselben jene Wahrnehmungen hervorruft. Diese wichtige Quelle der meisten unserer Ideen, die ganz und gar von unseren Sinnen abhängen und durch sie dem Verstand zugeleitet werden, nenne ich Sensation“, so Locke 1690 in seinem Versuch über den menschlichen Verstand (Essay Concerning Humane Understanding, zit. nach Türcke 100) Sitz der Sensation für Locke nicht das Herz oder der Bauch, sondern das Gehirn, der „Audienzsaal des Geistes“. Sensationen sind wie alle Vorstellungen und Begriffe  nur Verzweigungen und Verfeinerungen neuronal-mentaler Erregungszustände.

Jene auf Sensation aufbauende mentale Zustände, die Locke ‚Ideen’ nennt, beginnen nach seiner Ansicht allerdings ein Eigenleben: Denken, Zweifeln, Glauben, Schließen, Erkennen, Wollen sind für Locke „Operationen des Geistes“, Reflexionen, also „nichts, was direkt durch äußere Reize hervorgerufen würde“. (Türcke 101)
Reflexionen beziehen sich auf Sensationen – und strukturieren ihrerseits die Wahrnehmungsweise.  

Der englische Philosoph (und Theologe) George Berkeley  (1685 – 1753)  radikalisierte Lockes Gedanken: „Durch den Gesichtssinn erhalte ich die Licht- und Farben-Ideen in ihren verschiedenen Abstufungen und qualitativen Modifikationen, durch den Tastsinn perzipiere ich z. B. Härte und Weichheit, Hitze und Kälte, Bewegung und Widerstand, und von diesem allem mehr oder weniger hinsichtlich der Quantität oder des Grades. Der Geruchssinn verschafft mir Gerüche, der Geschmackssinn Geschmacksempfindungen, der Sinn des Gehörs führt dem Geist Schallempfindungen zu in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit nach Ton und Zusammensetzung. Da nun beobachtet wird, daß einige von diesen Empfindungen einander begleiten, so geschieht es, daß sie mit einem Namen bezeichnet und infolge hiervon als ein Ding betrachtet werden. Ist z. B. beobachtet worden, daß eine gewisse Farbe,  Geschmacksempfindung, Geruchsempfindung, Gestalt und Festigkeit vereint auftreten, so werden sie für ein bestimmtes Ding gehalten, welches durch den Namen Apfel bezeichnet wird.“ So Berkeley 1710 in seiner Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis. (Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge, zit. nach Türcke 103)

„Für Sinnenwesen gibt es Objekte nie pur, sondern nur so, wie ihre Sinne sie ihnen darstellen. Berkeleys Kernsatz: ‚Das Sein (esse) solcher Dinge ist ihr Perzipiertwerden (percipi).’ Berkeley reflektiert die Perzeptionseinheit verschiedener Sinnesorgane: ‚Während ich in meinem Arbeitszimmer sitze, höre ich eine Kutsche die Straße entlangfahren, ich blicke durch das Fenster und sehe sie, ich gehe hinaus und steige in sie ein. So könnte die Alltagssprache einen zur Meinung führen, ich höre, sehe und fühle dasselbe Ding, nämlich die Kutsche. Es ist jedoch gewiss: Die durch die einzelnen Sinne vermittelten Vorstellungen sind sehr verschieden und getrennt voneinander, da man aber ständig beobachtet hat, dass sie zusammen auftreten, spricht man von ihnen wie von ein und demselben Ding.’“ (zit. nach Türcke 106) 
Das „perzipierend tätige Wesen“ kombiniert die Sinneswahrnehmungen, und kann sich bekanntlich dabei auch irren.

Wenn aber die Menschen essentiell Sinnenwesen sind und ihre Vorstellungen von wahr, gut, schön und heilig sich bloßen Nervenerregungen verdanken, dann, so folgert Berkeley, ist diese Erregung ist selbst der Sinn - „esse est percipi“. (Türcke 108)

Wahrnehmung ist nichts, was passiv verläuft, „sondern eine komplexe Transformationsleistung, in die verschiedene Sinnesorgane verschieden verwickelt sind.“ (Türcke 89)

Die neue Sensation im Alltagsleben

Im gesamten europäischen Kulturraum erfährt das Wort Sensation im 18. Jahrhundert einen Bedeutungswandel. Das Dictionnaire Historique de la Langue Franqaise gibt für das Jahr 1754 Sensation in der Bedeutung „eines starken Eindrucks auf mehrere Personen“ an, für 1762 schon die Redewendung „eine Sensation machen“. (Türcke 110)

Der Paris-Besucher und Beobachter der Französischen Revolution, Joachim Heinrich Campe, hat in seinen Briefen aus dem Paris des Jahres 1789 die  Französische Revolution als unfassbares Spektakel beschrieben. Da „haben auch die Nachrichtenausrufer und Zeitungskolporteure ihren Platz. Mit ihrem ewigen, in jeder Stunde, wer weiß wie oft, von neuem ertönenden: Voilà du nouveau et du curieux!’  (Campe) reihen sie sich ein unter die Marktschreier und Gaukler – sind sie Teil des politischen Jahrmarktspektakels.“  (Türcke 114)

„Die großen Pariser Ereignisse des Juli und August 1789 (finden) bereits unter Konkurrenzbedingungen eines Marktspektakels statt:  Unzählige Bekanntmachungszettel’ werden an das ‚bunte und vermischte Publicum’ verteilt, das ‚mit gierigen Blicken den Inhalt der Zettel verschlingend, bald leise, bald mit lauter Stimme lesend, darüber urtheilend und debattirend’ die Straßen von Paris bevölkert.“ (Türcke 116) „Die Französische Revolution kennt bereits den allgemeinen Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit, die reizübersättigte Atmosphäre der modernen Stadt, die Nachrichtenflut: ‚Denken Sie sich, wie diese Publicität, diese Theilnahme Aller an allem, auf die Entwickelung der menschlichen Seelenkräfte, besonders auf die Verstandes-und Vernunftausbildung der Leute wirken muss’, bemerkt Campe.“ (Türke 117)  „Nur starken Reizen gelingt es, sich signifikant einzuprägen und zur Sensation zu werden.“ (Türke 118)

Photografie, Film: Geschichte des elektrischen Bildschocks

Die „Geburtsstunde des modernen Bildschocks" sieht Türcke bei Joseph Nicephore Niepce im Jahre 1824. Niepce, der Erfinder der Heliographie, hatte die Sonne durch ein geöffnetes Fenster auf eine Steinplatte scheinen lassen - die Sonne  ‘malte’ in Stein. (Türcke 177) Niepce tat sich mit dem Schausteller und Geschäftsmann Louis Daguerre zusammentat, der im Zentrum von Paris aus seinen Guckkästen schon ein Geschäft gemacht hatte. Daguerres experimentierte mit Jodsilberplatten, auf denen Quecksilberdampf das Lichtbild zum Vorschein brachte. Er meldete sein Verfahren unter dem Namen  „Daguerrotypie“ als Patent an. „Nach einigen Tagen sah man auf sämtlichen Pariser Plätzen Kameras, die, auf Stative montiert, vor Kirchen und Palästen in Stellung gebracht worden waren. Sämtliche Physiker, Chemiker und alle übrigen Gelehrten der Stadt waren damit beschäftigt, Silberplatten zu polieren, und sogar die besseren Kolonialwarenhändler wollten sich unter keinen Umständen um das Vergnügen bringen, einen Teil ihres Vermögens auf dem Altar des Fortschritts zu opfern, ihn in Jod- und Quecksilberdämpfen dahinschwinden zu sehen“, so beschreibt Bernd Busch, welche Sensation die neue Technik machte. (in: Belichtete Welt, zit. nach Türcke 178)

1843 entstand die erste photographische Manufaktur. Die Betrachter gefielen sich in Spekulationen darüber, ob derart detailgetreu abgebildete Gesichter, die auf dem Bilde waren, nicht ihrerseits den Betrachter sehen könnten - wie bei dem archaischen Ritualzauber, der das Dargestellte bannen und so entmachten sollte. (Türcke 184)

 

Das Ab-Bild ist ein Kunst-Werk: „Was immer photographiert wird, wird in flagranti photographiert." (Türcke 191) Das technisch hergestellte Bild löst aus dem Kontinuum ungezählter Augenblicke einen einzigen heraus und stellt ihn still. Nicht nur das: „Ein Mensch kann seine Beobachtung nur sehr begrenzte Zeit voll auf eine Sache konzentrieren, und das Netzhautbild, das er dabei von ihr hat, ist auch nur im Zentrum, um die Fovea herum, ganz scharf. Zu den Rändern hin verschwimmt es. Die Kamera hingegen ermüdet nicht. Ihre Bilder sind, wenn gelungen, allesamt und jedes einzelne bis in die äußersten Winkel gleichmäßig scharf, ihre Randverzerrungen nahezu unmerklich, und das menschliche Auge kann, etwa mithilfe eines Vergrößerungsglases, nachträglich jeden photographisch festgehaltenen Augen-Blick studieren und all die winzigen Schattierungen, Falten, Risse, Maserungen etc. darauf entdecken, die ihm selbst an Ort und Stelle entgangen sind oder nie auffallen würden." (Türcke 181)

Die frühe Photographie ist eine Attraktion auf dem Jahrmarkt. Die Bilder wurden zur Schau gestellt wie Kuriositäten, Wunderheilmittel und Zaubertricks. Die Photografie verallgemeinert das Jahrmarkt-Vergnügen - es ist überall und täglich zu haben. Und sie konzentriert den Blick auf die Oberfläche. Das Glitzern erregt die Begierde, das Ziel der Aufmerksamkeit und der Erregung der Sinne (der Sensation im wörtlichen Sinne) ist das Gekauft-werden. (Türcke 195)

Das Kameraauge ist dabei Knecht, es wird bedient, damit das menschliche Auge etwas Faszinierendes zu sehen bekommt. „Aber der Knecht ist auch Herr, das Kameraauge das Medium einer Verabsolutierung, die dem menschlichen Auge Maß, Takt und Richtung seines Blicks ruckhaft vorgibt. Es verabsolutiert den Augenblick: löst ihn aus dem historischen Raum-Zeit-Kontinuum heraus. Zudem ist es losgelöst von aller Erregung, die dem menschlichen Blick innewohnt, absolut insofern, als es auf nichts Rücksicht nimmt: Nicht auf das Motiv; das Banalste nimmt es mit der gleichen übermenschlichen Intensität auf wie das Ergreifendste." (Türcke 199)

Auch der „Film ist optische Täuschung", das Prinzip dieser Täuschung hatte schon der antike Philosoph Zenon erkannt. (Türcke 237) Aus dem fertig belichteten Material muss vieles herausgeschnitten werden, um einen „erregenden“ Film zu montieren. Die durch die fotografische Technik aus ihrer Zeitlichkeit isolierten Bilder werden neu kombiniert: Wechseln mehr als 24 stehende Bilder pro Sekunde mit geringfügig verschobenen Motiven, so erkennt das menschliche Auge eine  fließende Bewegung.

Die Montage ist für Sergej Eisenstein, den Pionier des sowjetischen Films, „der Punkt, wo der Film unmittelbar kämpferisch werden kann, wo ihm die Kraft eines Traktors zuwächst, ‚der die Psyche des Zuschauers im Sinne des angestrebten Klassenstandpunktes umpflügt.’“
‚Der sowjetische Film muss auf die Schädel trommeln!’,
hatte Eisenstein formuliert. Die durch den Film ins Bild gesetzten, bewegenden Sensationen wirken  „wie ein unablässig in winzigen Dosen verabreichtes Aufputschmittel aufs menschliche Nervensystem", wie Sucht. (Türcke 239/40)

Der russische Revolutionsführer Leo Trotzki hat die Bilderflut zum Instrument definiert, das geeignet wäre, die Massen zum Sozialismus zu manipulieren. Für Trotzki war das Kino „das mächtigste - weil demokratischste - Werkzeug der Theatralik“. In seinem für die Prawda 1923 formulierten Text ‚Schnaps, Kirche und Kino’ heißt es: „Das Bestreben, sich aufzuheitern, ist das berechtigtste Streben der menschlichen Natur. Wir können und müssen diesem Bedürfnis eine Befriedigung von immer höherer künstlerischer Qualität gewähren und zugleich das Vergnügen zum Werkzeug der kollektiven Erziehung, ohne pädagogische Bevormundung, ohne aufdringliches Hinlenken auf die Bahn der Wahrheit machen. Das wichtigste, alle anderen bei weitem übertreffende Werkzeug auf diesem Gebiet, kann gegenwärtig das Kino sein.“ Es sei „ein Werkzeug, das sich einem von selbst aufdrängt: das beste Instrument der Propaganda - der technischen, kulturellen, auf die Produktion bezüglichen, antialkoholischen, sanitären, politischen, überhaupt jeder beliebigen allgemeinverständlichen, anziehenden, sich dem Gedächtnis einprägenden Propaganda - und eventuell eine einträgliche Sache.“ Trotzki weiter: „Das Kino konkurriert nicht nur mit der Kneipe, sondern auch mit der Kirche. (…) Das Element der Zerstreuung, der Ablenkung und Unterhaltung spielt im Kirchenzeremoniell eine ungeheure Rolle. Die Kirche wirkt durch theatralische Methoden auf das Auge, auf das Gehör und den Geruchssinn (Weihrauch!) und durch diese auf die Einbildungskraft.“
Das Bedürfnis des Menschen nach Theatralik - etwas Ungewohntes, Grelles, aus der Eintönigkeit des Lebens Herausführendes zu hören und zu sehen - ist sehr groß, unausrottbar, unersättlich, von den Kinderjahren bis ins tiefste Alter hinein.“ (zit. nach Türcke 260/1)

Das war zuviel Realismus für die bürgerlich gebildeten Linken, die sich über die Kulturlosigkeit von Massenvergnügungen entrüsteten: „Propaganda für die Änderung der Welt, welch ein Unsinn!“ entfuhr es Horkheimer und Adorno 1944. „Die Propaganda manipuliert die Menschen; wo sie Freiheit schreit, widerspricht sie sich selbst. Verlogenheit ist unabtrennbar von ihr. Die Gemeinschaft der Lüge ist es, in der Führer und Geführte durch Propaganda sich zusammenfinden, auch wenn die Inhalte als solche richtig sind. Noch die Wahrheit wird ihr ein bloßes Mittel, zum Zweck Anhänger zu gewinnen, sie fälscht sie schon, indem sie sie in den Mund nimmt. Deshalb kennt wahre Resistenz keine Propaganda. Propaganda ist menschenfeindlich.“ (in: M. Horkheimer / Th. W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, zit. nach Türcke  272)

Fazit: Der Weg zur Sucht

„Das Auge etwa wird zum alleinigen Einfallstor einer Fülle von Eindrücken“, reduziert auf ein „optisches Entlanggleiten auf Oberflächen. Was der Organismus alles noch gleichzeitig tun und fühlen müßte, wenn diese Empfindung authentisch sein sollte - Krabbeln, Laufen, Balancieren, Schwitzen, Schwimmen - fällt ebenso aus wie die gesamte Verausgabung von ‚Hirn, Nerv, Muskel, Sinnesorgan’ und Geld, die die Vorbereitung solch exotischer Reisen kostet, wenn man sie wirklich unternimmt. Kurzum, eine ganze Dimension muskulär-nervlicher Bewegung und Spannung ist dem neuen Erlebnisraum, in den man durch Knopfdruck statt durch Reisevorkehrungen  eintaucht, vorab weggeschnitten. Am Ausgleich dieses Defizits arbeitet eine ganze Erlebnisindustrie. Man versucht, das Amputierte äußerlich wieder anzufügen“ mit Mehrkanaltonspur zum Film, mit Tast- und Geruchsempfindungen. (Türcke 293)

Aber: „Tendentiell werden die Sinne zu konditionierten Reflexen zurückgebildet, verlernen, ihre Empfindungen so zu bündeln, dass sie innere Vorstellungsbilder davon behalten, oder sich wechselseitig so in Mitleidenschaft zu ziehen, zu stimulieren und repräsentieren, dass etwa Töne als samten, Farben als schrill, Blicke als Echos erfahrbar werden.“

Die einzelne Empfindung mag im Moment des Reizes intensiv sein - sie hat nichts mehr, worin sie Bedeutung gewinnen, sich mit früheren Empfindungen zu nachhaltiger Erfahrung verbünden könnte. „Das ist besonders den Sexualszenarien abträglich, die im multimedialen Erlebnisgeschäft den Verkaufsschlager geben sollen.“ (Türcke 294) Virtuelle Lust verselbständigt sich zum Lustersatz.

Weltumspannende elektronische Netze versprechen dem jeweiligen Sinnesorgan zu helfen, bestimmte optische oder akustische Reize wahrzunehmen. Aber „keine Leitung überträgt Reize, ohne sie zu kanalisieren und filtern: sei es als separaten Ton, als perspektivischen Bildausschnitt und, wo die Technik schon so weit ist, als messbaren Fingerspitzendruck.“ (Türcke 296) Das Ergebnis ist ein „höchst beschränkten Kommunikationsprozesse – Surrogat für Gemeinschaft“. (Türcke 297)
Die mediale Filterung der Selbstmitteilung verspricht totale Vernetzung und produziert Anonymität und Unverbindlichkeit.

„Kein Säugling kann anders als durch kontinuierliche körperliche Nähe nächster Angehöriger auf schonende Weise ans Menschenleben gewöhnt werden. Jede Kommunikation durch technische Medien, vom Brief bis zum Internet, hat Sekundärcharakter, ist als Notbehelf zur Überbrückung von Abwesenheit und Isolation entstanden.“ (Türcke 298) „Ein Organismus, auf den solche Anfangsreize lange genug eingewirkt haben, kann bald nicht mehr anders, als sie selbst für das zu nehmen, was sie einleiten und verwehren. Die Surrogate werden zur Sache selbst: zu Fetischen, Suchtstoffen. Die aber werden eingenommen, um die Unlust zu vermeiden, die entsteht, wenn man sie nicht einnimmt. Sie dienen weit mehr dem Abbau von Unlust als dem Aufbau von Lust.“ (Türcke 299)

„Süchtige sind deshalb so erpicht auf den Suchtstoff, weil sie in ihm etwas anderes begehren, als sie bekommen. Sucht kann sich nicht bei sich selbst beruhigen. Sie besteht in der Flucht vor sich. Das Verlangen nach mehr Schocks, das audiovisuelle Schocks wecken, nach einer stärkeren Dosis, härterem reality-TV, mehr live-Kameras, plastischeren 3-D-Szenarien ist zugleich das Verlangen nach Plastischerem, Realerem als 3-D-Szenarien, nach Sprengung dieser ganzen audiovisuellen Surrogatwelt, nach Genuß dessen, was die Surrogate verheißen, aber vorenthalten.“ (Türcke 300)

Die Entfaltung der globalen „Sensationsgesellschaft“ ist für Türcke hermetisch. Moderne Protestformen, die „alltägliche Notwehr gegen Reizflut“ vergleicht er mit dem Bildersturm. (Türcke 313) Der Protest richtet sich gegen äußere, mediale Präsentationsformen der Macht. Dem medialen Spektakel der Macht wird ein mediales Gegenspektakel an die Seite gestellt, mehr nicht. Im Kampf um die mediale Aufmerksamkeit hat am Ende der gewonnen, der die besseren „Bilder“ produzieren konnte.